Mail an Dingsbums

Wir sind im Wandel... einfach alles ist im Wandel. Einen Aspekt dieses Wandels beschreibt die Kommunikation mit unseren Mitmenschen die heute CoWorker heißen.

Wenn es Ihnen genau so geht wie mir, dann kommunizieren Sie häufig mit Kollegen über ein firmenweites Mailsystem. Im Feld Empfänger kurz die Anfangsbuchstaben des des betroffenen eingetippt und schon sucht das Mailsystem die passenden Kollegen heraus, doch da beginnen mittlerweile schon die ersten Probleme.

Der Arbeitsmarkt hat sich verändert, wo früher die Kollegen oft Müller Meier und Schulze hießen, so heißen Sie jetzt Szczybra, Pruszynski, Ochlich, Nguyen, Ngo und und und.

Ich liege am Montag Abend im Bett, starre die Decke an und denke: "auweia... wie konnte es dazu kommen?...". Aber der Reihe nach.

Montag Vormittag... <br>Ich sitze in unserer regelmäßigen Besprechung, döse vor mich hin. Mein "Bildschirmshoner" im Kopf ist angesprungen und spielt PingPong von links nach rechts, von oben nach unten und klickt wenn der kleine weiß Ball den Rand berührt... toll... Ihr wisst schon dieses alte schwarzweiß Retrospiel aus 70gern.

Plötzlich, das PingPong Spiel friert ein... nichts geht mehr, verdammt ich muss neu starten.

Beim aktivieren meiner sämtlichen Sinnesorgane stelle ich fest, ich sitze immer noch in der selben langweiligen Montags-Besprechung, doch etwas hat sich verändert, alle schauen mich wie gebannt an und warten... und warten...

Mist, ich wurde angesprochen.

Jetzt heißt es das Hirn so schnell als möglich unter Volldampf zu bekommen. Währen ein erster Task auf hochtouren läuft, versucht ein zweiter Task im Kopf mein Gesicht halbwegs zurechnungsfähig erscheinen zu lassen. Es ist eine Mischung aus Desinteresse und Überraschung. Das kann ich gut, ich bin Meister in dieser Technik. Zu 90 Prozent krieg ich diesen Gesichtsausdruck hin, in den anderen 10 Prozent der Fälle läuft mir einfach nur der Sabber aus dem Mundwinkel, das hat in der Vergangenheit schon zu einigen Lachern geführt.

Eine Zeit lang habe ich auch überlegt mir diese Technik patentieren zu lassen... also die 90 Prozent Variante natürlich.

Ich lehne mich also langsam aus meinem Stuhl nach vorne, versuche Zeit zu schinden, als würde ich zur Rede an die Nation ausholen, um mit salbungsvollen Worten zu beginnen... doch Task eins ist noch nicht mit Hirn hochfahren fertig... verdamt ich muss improvisieren.

In Ermangelung ausreichender Rechenkapazität meiner Denkzentrale sage ich einfach "Ja"... was kann schon passieren?

Puh... alle wenden sich ab und meine Chefin übernimmt die weitere Moderation der Sitzung, die Gefahr ist abgewendet. Sieg!

Doch da höre ich schon wieder meinen Namen "...ok dann wird Oliver mit zum ReactJS-Seminar in der kommenden Woche gehen...". Ich schaue verwundert rings um in die Reihe, der neue indische Programmierer, dessen unaussprechlichen Namen ich mir im Leben nicht merken kann, nickt mir freundlich zu, ich zurück. Mir läuft es sofort heiß und kalt den Rücken entlang...

Verdammt, ich wußte es, sie hat mich reingelegt.

Unmittelbar nach der Besprechung, an meinem Arbeitsplatz, versuche ich mit meinem neuen indischen Kollegen, Ihr wißt schon der "Nicker" mit dem unaussprechlichen Namen "Chowdhury Chakrabarti", via Mail Kontakt aufzunehmen.

Ich mache mein Mailprogramm auf und versuche den Namen des "Unaussprechlichen" in das Empfängerfeld einzutippen, die ersten Buchstaben, "Sch", doch nichts passiert, etwaige Namensvorschläge wie sonst üblich bleiben aus. Am Monitor vorbei sehe ich gegenüber meinen schlafenden Kollegen und überlege ob ich ihn wecken sollte, um zu fragen ob wir eine Störung im Mailsystem haben, denn da passiert nichts.

Egal... ich rufe den Helpdesk an.

Tippe kurz die vierstellige Nummer ein... nach ein zwei Tutut ertönt eine derart laute Hintergrundmusik, das ich vor Schreck fast den Hörer fallen lasse. Hektisch greift die Rechte zum Telefon und drückt ein paar mal die Minustaste... besser... viel besser. Da hat doch die Putzfrau wieder mein Telefon sauber gemacht denke ich so bei mir während ich warte.

Eine junge Stimme mit leichtem Akzent meldet sich "...was kann ich für Sie tun?..."<br>Ich bin kurz irritiert und muss plötzlich an Bollywood-Filme und Kaya Yanar denken - komisch.

Ich sage: "was ist denn mit dem Mailsystem los?"

"Nichts" sag die Stimme kurz angebunden auf der anderen Seite der Leitung.

"Hm" entgegne ich wenig intelligent auf diese ausgeklügelte Wortführung meines ausländischen Kollegen, welcher genau genommen eine Etage unter mir im Haus sitzt.

Nach einigen sehr interessanten, einsilbigen Wortspielen wende ich mich wieder meiner Mail zu. Scheinbar ist mit dem Mailsystem alles in Ordnung, der Fehler sitzt vor dem Rechner, so mein ausländischer HelpDesk-Kollege aus Bollywood.

Ich versuche mich erneut an diesem verflixten Namen des "Unaussprechlichen". Beginne wieder mit "Sch" im Adressfeld der Mail doch nichts passiert. Dann "Tsch", nichts passiert.

Verdammt... nachdem ich schon einige Stunden mit diesem Problem verdaddelt habe, resigniere ich einfach und beschließe meinem Ruf als sturer Deutscher gerecht zu werden und schreiben keine Mail. Ich denke "was kann ich dafür wenn die Firma Leute einstellt deren Namen man noch nicht einmal aussprechen kann, geschweige schreiben kann."

Auf gute Zusammenarbeit lieber Kollege mit dem unaussprechlichen Namen.

Übrigens... Ich freue mich schon auf morgen, denn da haben wir "Retrospektive"... das wird lustig.

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